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Malteser Krankenhaus St. Johannes in Kamenz

Seelsorge in Zeiten von Corona

27.04.2021
Seelsorger Vincenc Böhmer
Fotos: Stephanie Hänsch
Seelsorger Vincenc Böhmer
Seelsorger Vincenc Böhmer
Fotos: Stephanie Hänsch
Fotos: Stephanie Hänsch

Interview. Vincenc Böhmer (35) ist seit 2013 der Krankenhausseelsorger im Malteser Krankenhaus St. Johannes in Kamenz. Die seelsorgerliche Betreuung wird in den Malteser Krankenhäusern seit jeher zur Begleitung und Unterstützung eines Krankenhausaufenthaltes angeboten. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sie noch einmal eine besondere Bedeutung erhalten. Seelsorger Vincenc Böhmer schildert im Gespräch seine Eindrücke und wie er in einer Zeit des Abstands, über Gesprächen mit Patienten, Angehörigen und auch Mitarbeitern einen besonderen Blick auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Menschen erhalten hat.

Wie viele Corona-Patienten werden derzeit auf den Stationen betreut und wie viele Patienten betreuen Sie alles in allem als Seelsorger hier im Krankenhaus?

Gerade eben haben wir zwischen 15-20 Patienten, die wir im isolierten Bereich mit Corona behandeln. Die Intensivstation ist voll belegt. Alle Patienten dort werden beatmet. Ich bin hier gern für alle Patienten ansprech- und rufbar.

Wie entsteht der Kontakt zu den Patienten?

Das ist ganz unterschiedlich. Unter den Patienten, die mich rufen lassen, also meinen Besuch wünschen, sind zum großen Teil auch nicht-Corona-Patienten. Wenn es die Zeit erlaubt, dann gehe ich einfach unverbindlich zu allen Patienten auf der Coronastation St. Barbara und stelle mich vor. Damit sie wissen, mich gibt es auch. Und manchmal ist allein das schon der Türöffner. „Aha, ich habe Sie zwar nicht gerufen, aber schön, dass Sie da sind! Ich wollte mich schon immer mal mit dem Seelsorger unterhalten.“ Oft plagen die Patienten Ängste oder Sorgen. Allein schon durch die Erfahrung, da ist einer, der sich für mich und meine Sorgen Zeit nimmt, wird manches davon schon gelindert.

Vertrauen Ihnen die Patienten augenblicklich oder braucht es Zeit, um sich zu öffnen?

Das ist ganz verschieden, aber geht meistens relativ schnell. Ich stelle mich vor und darüber hinaus habe ich kein Anliegen. Das macht mich als Seelsorger im Krankenhaus so besonders. Alle die ins Zimmer kommen, haben ein Anliegen. Sie wollen lagern, waschen, gucken, ob die Tabletten eingenommen wurden, sie wollen irgendwelche Untersuchungen einleiten, Visite abhalten oder das Zimmer putzen. Wenn ich komme und frage: „Was kann ich für Sie tun?“ Allein diese Offenheit öffnet.

Wie treten Sie den Patienten gegenüber?

Ich bin für die Patienten offen und darauf angewiesen, dass sie mir gegenüber offen sind. In den seltensten Fällen komme ich mit einem Vorwissen über sie selbst zu ihnen. Natürlich frage ich: „Wie geht’s Ihnen gerade? Was ist die größte Last, die Sie zu tragen haben? Was ist die größte Herausforderung? Können Sie auch alles mit den Schwestern und Ärzten besprechen?“ Und da muss ich gar nicht vorher viel wissen. Das Gespräch entwickelt sich ganz allein durch die Patienten. Es ist meine Aufgabe, die richtige Atmosphäre dafür zu schaffen.

Wie verändert Corona die seelsorgerlichen Gespräche mit den Patienten?

Corona ist in mehrere Hinsichten schon eine besondere Herausforderung für uns hier im Krankenhaus. Wir müssen als Krankenhaus alles Mögliche tun, damit die Patienten möglichst geschützt sind, aber eben auch wir als Mitarbeiter. Das hat am Anfang für viel Verunsicherung gesorgt und ich muss ganz ehrlich auch zugeben, bei mir zu einer Zurückhaltung. Ich habe dann gesehen, welche Möglichkeiten mir für den Patientenkontakt zur Verfügung stehen und relativ schnell für mich die Situation geklärt und mittels Schutzmaßnahmen, die mir den Zugang zu den Patienten ermöglichen, auch diesen Zugang genutzt. Das bedeutet natürlich, dass mein Alltag oft in Schutzkleidung abläuft und immer wieder mit dem Wechsel der Kleidung einhergeht. Aber letztlich ist da jetzt so eine Routine drin, dass es mittlerweile nichts Besonderes mehr ist, auf die ITS oder in den isolierten Bereich der Station Barbara zu gehen, dort die Patienten zu besuchen und auch für die Mitarbeiter da zu sein.

Wie geben Sie Halt, um die Menschen nicht mit ihren Sorgen allein zu lassen?

„Schicken Sie mich zu den Patienten, wo Sie meinen, es ist sinnvoll! Sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann?“ Entscheidend ist, dass die Menschen nicht mit ihren Sorgen allein sind, dass ich sie begleite, ihnen Halt geben kann, auch, wenn sich Wünsche nicht erfüllen lassen. Wir müssen weiter hinhören und uns dann fragen, was wir tun können.

Gerade kurz vor dem Tod gibt es Menschen, die voller Zuversicht sich freuen, gehen zu können. Anderen fällt es in den letzten Minuten des Lebens schwer loszulassen, aus Sorge um die Familie zum Beispiel. Manchmal quälen Streitigkeiten und der Wunsch nach einer Versöhnung oder danach, einen bestimmten Menschen ein letztes Mal zu sprechen. In solchen Situationen versuche ich, den Menschen die Kraft zu geben, voneinander Abschied zu nehmen.

Freud und Leid. Was haben Sie Besonderes miterlebt und konnten die Menschen stützen?

Ein tragisches und dramatisches Erlebnis: Wir hatten dieses Ehepaar bei uns, beide in den 80ern und mit Covid-19 eingeliefert, die auch zusammenlebten, und zusammen auf der Station untergebracht waren. Es war absehbar, dass sich der Zustand der Frau verschlechtert. Die Frau ist dann bei uns verstorben und im selben Zimmer neben ihrem Mann eingeschlafen. Das macht die Sache nicht besser, schöner oder versöhnlicher, aber so war es. Und wir haben dann überlegt, was könnte diesem Mann guttun. Die Schwestern und Ärzte haben versucht, besonders feinfühlig für ihn da zu sein. Wir haben auch Seelsorge angeboten. Die Idee war dann, ihn mit einem anderen Mitpatienten zusammenzulegen, der in einer ähnlichen Situation, ist. Dessen Frau in Dresden im Krankenhaus behandelt wurde.

„Da waren zwei Männer, die sich bei uns auf der Corona-Normalstation ein Zimmer teilten. Der eine hatte seine Frau verloren, der andere bangte um seine Frau. Nachdem der eine Mann Witwer geworden war, wurde der zweite Mann dann drei Tage später auch Witwer.“

Da waren nun zwei Männer mit Corona bei uns auf der Corona-Normalstation in einem  Zimmer. Der eine hatte seine Frau verloren, der andere bangte um seine Frau, die er nicht mehr besuchen und mit der er nicht mehr telefonieren konnte, weil sie beatmet wurde. Nur über die Kinder, die in Dresden anriefen und ihn später immer wieder informierten, erfuhr er Neues. Bei ihr war schon zu befürchten, dass sie es aller Voraussicht nach auch nicht schafft. Sie ist drei Tage später verstorben. Nach dem also der eine Mann Witwer geworden war, wurde der zweite Mann drei Tage später auch Witwer.

Ich war dann bei beiden Männern und wir haben alle zusammen versucht, für sie, so gut es geht, da zu sein. Ich habe auch die Hoffnung, dass es gut gelungen ist. Bei all der Traurigkeit und der dramatischen Entwicklung, war es gut, dass die beiden sich in der Situation beistehen konnten und dass wir als Krankenhaus, im Rahmen unserer Möglichkeiten, so gut es ging, für sie da waren. Die Schwestern und genauso die Ärzte wussten um deren Traurigkeit, wenn sie in das Zimmer gingen.  Das hat die ganze Station mitgenommen.

Als der Entlassungstermin herankam wussten wir, die Kinder können erst am Sonntag kommen. Also haben wir vorgeschlagen: „Auch wenn Sie jetzt am Freitag entlassen werden müssten, wir wissen, dass Ihre Kinder erst am Sonntag die Möglichkeit haben, Sie abzuholen und für Sie da zu sein. Sie können gern bis Sonntag bei uns bleiben. Ist das in Ordnung für Sie?“. Das war für den Mann so eine Erleichterung, zu wissen, dass er nicht am Freitag nach Hause muss und da keiner ist. Sondern, dass er von seinen Kindern abgeholt wird, damit Sie gemeinsam in das leere Elternhaus gehen können.

Wie haben Sie die Belastungen durch Corona für die Mitarbeiter wahrgenommen?

Als eine schwere Zeit ist mir die Advents- und Weihnachtszeit in Erinnerung, als sich die Corona-Situation zuspitze. Viel Personal war in Quarantäne, es herrschte eine Ausnahmesituation und an Besinnlichkeit war nicht zu denken. An einem Tag sind fünf Patienten auf einer Station gestorben. Das hatte die Mitarbeiter extrem mitgenommen. Wir wussten nicht, wo das hinführen sollte, und hatten zu kämpfen, die Patienten zu versorgen.

Ja, es ist eine besondere Situation. Corona ist Dauerthema in den Medien. Ich nehme wahr, dass das viele Mitarbeiter sehr beansprucht. Einerseits werden sie hochgejubelt: „Ihr seid die Helden!“, und jetzt die Diskussion: „Na, soviel haben die kleineren Krankenhäuser ja nicht gemacht mit Corona-Patienten“, wenn es um die Corona-Hilfen für Kliniken geht. Es ist ein verheerendes Zeichen an die Mitarbeiter: Was sie geleistet haben, leisten und leisten werden, ist nicht wichtig. Dabei merken wir allerdings, dass jede einzelne Klinik benötigt wird, um die Krise zu bewältigen – und dafür muss ausreichend Geld allen Kliniken gleich zur Verfügung gestellt werden.

Woher nehmen Sie selbst die Kraft, die Sie anderen geben, wenn Sie im Gespräch sind mit Patienten, Angehörigen aber auch Mitarbeitern?

In allererster Linie und grundsätzlich ist mein Antrieb, hier im Krankenhaus tätig zu sein, von Gott hierher gestellt zu sein. Und jeden Tag hier in meinem Dienst gerufen zu werden. Egal ob der Tag gut oder schlecht war, ich fühle mich bestärkt. Das, was ich hier in den Begegnungen bewirken oder erleben darf, darf ich auch Gott anvertrauen. ER traut mir das zu und ich vertraue IHM, mich nicht über Gebühr zu fordern, so dass ich daran zugrunde gehe.

„Das Miteinander hier im Krankenhaus gibt viel Kraft. Es ist ein gutes, gegenseitiges Miteinander, in dem wir nicht nur zusammenarbeiten und für Patienten da sind, sondern wir einfach auch Freude miteinander haben. Mit dieser Freude geht es noch mal ganz anders.“

Dann ist da die Begegnung mit den Patienten, die jedes Mal anders ist. Ich muss mich da immer überraschen lassen. Selbst bei Patienten, die ich kenne, ist jede Begegnung neu und ist einzigartig. Gerade diese Einzigartigkeit, diese Neugier nach dem Anderen spendet mir Kraft. „Wie geht es Ihnen heute? Geht es Ihnen besser oder schlechter? Was kann ich heute für Sie tun?“ Und wenn es nur das ist, dass sie mir sagen: „Ich brauche meine Ruhe“ Wenn ich ihnen dann diese Ruhe geben kann, entweder weil ich mich zum Patienten setzte und still bin oder in dem ich den Schwestern und Ärzten sage, dass er jetzt seine Ruhe braucht.

Herr Böhmer, Sie sind seit 7,5 Jahren Seelsorger am Malteser Krankenhaus St. Johannes. Hat sich seit Beginn ihrer Tätigkeit die Wahrnehmung auf den Beruf geändert?

Ich bin nicht Seelsorger geworden, weil ich gerade einen Job gesucht habe, sondern, weil ich denke, das ist die Berufung, für die Gott mir diese Kraft gibt, für Menschen in Freud und Leid da zu sein.

Für mich ist es ein tägliches Dazulernen. Das sich Einlassen auf den Anderen bedeutet auch, bewegt werden vom Anderen. Und jede Bewegung bewirkt auch Veränderung. Es ist vielleicht auch schade, dass mir ein bisschen Jugendhaftigkeit abhandengekommen ist, was sicher das eine oder andere Mal früher ausgeprägter war und andererseits bin ich einfach dankbar über all die Sensibilität, die ich ein Stück weit durch die Erfahrung einüben konnte. Letztlich geht es ja darum, dass ich spüre, was von dem, was ich mitbringe, kann ich dem Anderen anbieten?

Was kann man Ihnen Gutes tun?

Ich bin fast wunschlos glücklich, denn meine Arbeit ist genauso, wie es sich viele Seelsorger wünschen – ganz nah am Menschen. Ich stoße auf viel Offenheit und wenig Vorbehalte, egal ob ich zu Christen gehe oder zu kirchlich völlig fernen Menschen. Alle sind größtenteils sehr offen, haben Interesse mehr kennenzulernen oder wollten immer schon mal mit einem Seelsorger sprechen. Von daher könnte es nicht schöner sein.

Was ich mir dennoch wünsche... einen Perspektivwechsel im doppelten Sinn:

Zum einen die Anerkennung der Seelsorge im palliativen Bereich. Da kam es Ende letzten Jahres zu einer denkwürdigen Entscheidung der Krankenkassen, die sich gegen die Anerkennung der Seelsorge für die Versorgung der Patienten auf Palliativstationen ausgesprochen hat – entgegen deutscher Rechtsprechung und entgegen der Empfehlung der palliativen Fachgesellschaften.

Zum anderen haben wir alle begrenzte Kraftressourcen und müssen daher, die uns verfügbaren Kräfte sinnvoll – manche würden sagen effektiv – einsetzen, um durch diese Krisenzeit zu kommen. Ich wünsche mir mehr Zuversicht statt Angst. Angst kann uns vor Gefahren schützen. Dennoch ist dauerhafte Angst ein schlechter Begleiter. Angstgeführte Situationen führen uns oftmals nicht aus der Krise heraus. Das wissen wir aus unserem eigenen Leben. Im Gegenteil können Ängste auch zu Stressfaktoren werden, die das Immunsystem belasten, krank machen und innerlich lähmen. Ängste rauben Kraft, anstatt die Kräfte freizusetzen, die benötigt werden, um diese aktuelle Situation auszuhalten. Die Resilienzforschung zeigt hierbei auf, dass wir möglichst angstfrei eine Situation annehmen sollten. Deswegen ist auch die Zuversicht ein Geschenk. Zuversicht kann entstehen, wenn wir den Blick von den Angstszenarien lösen, um uns das bewusst vor Augen zu halten, was uns Kraft gibt und gesund erhält.

Jesus hat uns ins Herz gelegt, dass wir zuversichtlich sein dürfen, selbst in der größten Not unseres Lebens. Es liegt in den christlichen Wurzeln unseres Abendlands zuversichtlich zu sein. Diese Fähigkeit und diesen Glauben zu verkörpern, wünsche ich mir aber auch mehr in denen, die politische Verantwortung tragen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

April 2021. Das Gespräch führte Stephanie Hänsch.